Wir danken Dr.
Thomas Wiesinger
(damals am
SLF) für die Angaben
zu einer kleinen bis mittelgrossen Nassschneelawine, deren Spuren und
Ablagerung er am 10. Juni
2004 auf dem Längenboden (Gemeinde Langwies, ca. 1 km NW des
Weissfluhgipfels, schweizerische Landeskoordinaten ) fand. Die Lawine
ging Ende Mai oder anfangs Juni vom NE-Hang der Zenjiflue und dem
Nordhang unter dem Sattel zwischen Weissfluh und Zenjiflue nieder.
Die Lawine ist bemerkenswert, weil sie einen ungewöhnlich kleinen
Auslaufwinkel von weniger als 20° aufwies. Der Auslaufwinkel α ist
durch die
Relation
tan α = H / L
definiert, wobei
H die
Fallhöhe und
L die
Auslaufdistanz der Lawine
sind. Beide Grössen werden jeweils vom obersten Punkt der
Anrisskante zum niedrigsten Punkt der Ablagerung gemessen.
Nassschneelawinen weisen in der Regel einen grösseren
Auslaufwinkel auf als Trockenschneelawinen. Die Auslaufwinkel der im
Rahmen dieses Projektes im Winter 2006 beobachteten
Trockenschneelawinen variierten demgegenüber zwischen 24 und
41°. tan α kann in erster Näherung mit dem sog. effektiven
Reibungskoeffizienten μ
eff gleichgesetzt werden: Ein
fester Körper auf
einer bestimmten Unterlage habe einen konstanten Reibungskoeffizienten
μ. Er werde auf einer oben genügend steilen, weiter unten flacher
werdenden Bahn aus der Ruhe losgelassen. Dann ist der Tangens des
Neigungswinkels der Geraden zwischen Anfangs- und Endposition gerade
gleich μ.
Was führte dazu, dass der effektive Reibunbgskoeffizient der
Längenbodenlawine nur gut halb so gross war wie im Durchschnitt
der Trockenschneelawinen in der Gegend von Davos? Eine genauere
Untersuchung vor Ort war aus verschiedenen praktischen Gründen
leider nicht möglich, doch einige Überlegungen lassen sich
auf Grund des unten stehenden Bildes anstellen. Zusammen mit den sehr
hohen Drücken, die im
Lawinenversuchsgelände
Ryggfonn des
Norwegischen
Geotechnischen Institutes in langsamen Nassschneelawinen gemessen
wurden, ruft diese Beobachtung nach genauerer Erforschung dieses
Phänomens, da die gegenwärtig in der Gefahrenkartierung
gebräuchlichen Methoden möglicherweise unter gewissen
Bedingungen zu optimistische Ergebnisse liefern.
Das Bild zeigt die für Nassschneelawinen typischen grossen
Schollen und die steile Ablagerungsstirn. Ebenso finden sich Nebenarme,
die unvermittelt aus der Hauptströmungsrichtung ausbrechen.
Ähnlich wie in Murgängen, kam es zur Ausbildung von
Levées auf beiden Seiten der (relativ schmalen) Lawinenbahn. Bei
Murgängen ist die Bildung von Levées mit dem Abfliessen des
Wassers aus dem Wasser-Feststoff-Gemisch an den Rändern des
Murganges zu erklären: Ohne den schmierenden Effekt des Wassers
wird die Reibung zwischen den Partikeln sofort sehr gross, und sie
bleiben liegen. In Nassschneelawinen lässt sich die Bildung
levéeartiger Strukturen jedoch durch die Pflugwirkung der
Lawinenfront erklären; ein Teil des gepflügten Schnees wird
in die Lawine eingemischt, der Rest jedoch zur Seite gedrückt und
dort aufgetürmt.
Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass bei dieser Lawine ein
ähnlicher Schmiereffekt wie bei Murgängen für die
unerwartet grosse Auslaufdistanz verantwortlich sein könnte: Auf
der Foto ist deutlich eine ca. 2 m lange Zone unmittelbar vor der
Ablagerungsfront auszumachen, wo die Schneedecke tiefer liegt als in
der ungestörten unmittelbaren Umgebung. Ausserdem ist sie dunkler
(anscheinend bräunlich) gefärbt und weist eine relativ glatte
Oberfläche auf, im Gegensatz zu den "Schmelznarben" in der
Umgebung. Ein ähnlicher Saum lässt sich stellenweise an der
Aussenseite der Levée in der Bildmitte ausmachen. Da
Nassschneelawinen in der Regel tagsüber niedergehen, wenn die
Schneedeckenstabilität durch das Schmelzen unter Sonneinstrahlung
sinkt, waren die oberflächennahen Schichten der Schneedecke in der
flachen, der Sonnenstrahlung stärker exponierten Auslaufzone
vermutlich so stark durchnässt, dass beträchtliche Mengen
freien Wassers in den Poren vorhanden waren. Unter der Reibung der
fliessenden Lawine bildete dieses Wasser demnach einen
zusammenhängenden Schmierfilm. An den Rändern und, sobald die
Lawine genügend langsam war, an der Front wurde dieses Wasser
durch den hydrostatischen Druck der Lawinenmasse herausgepresst und
floss auf der Schneedecke ab, bis es in ihr versickert war. Ohne den
schmierenden Wasserfilm stieg der Reibungskoeffizient sofort auf die
für Nassschneelawinen typischen hohen Werte und brachte die
Strömung zum Stillstand.
Auch wenn diese Deutung der Beobachtungen plausibel erscheint, sollte
sie unbedingt durch detaillierte Untersuchungen überprüft
werden.