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7  Schlussbetrachtungen / Conclusions

7.1  Zur Bedeutung des Katasters / On the importance of the avalanche cadastre

Das Beispiel der Lawine von 1808 in Oberrickenbach zeigt auf, wie wichtig das vertiefte Studium aller verfügbaren Quellen ist, um einen möglichst kompletten und aussagekräftigen Kataster zu erhalten. In gewissen Fällen können die Extremlawinen Ausmasse annehmen, die selbst die Mehrheit der Experten für unmöglich halten würde. Die Aufarbeitung des Katasters ist ein langer und steiniger Prozess. Oft haben ältere Menschen in der Bergbevölkerung eine wesentlich genauere und vollständigere Erinnerung an weit zurückliegende Naturereignisse als die jüngeren Generationen. Von diesem Wissensschatz sollte man Gebrauch machen, so lange dies noch möglich ist!

Im günstigsten Fall erlaubt der Kataster, die Auslaufstrecken von Fliesslawinen oder die Drücke von Staublawinen in funktion der wiederkehrdauer abzuschätzen. Dies gibt die Möglichkeit, die Modelle für den betreffenden Lawinenzug im Detail zu eichen und mit geringerer Unsicherheit auf das Extremereignis zu extrapolieren. Des Weiteren ist die so gewonnene Erfahrung von unschätzbarem  Nutzen bei der Beurteilung von spärlich dokumentierten Lawinenzügen (dies trifft auf die Mehrheit der Fälle zu!).

7.2  Zur Bedeutung der Anfangsbedingungen / On the importance of the initial conditions

Je weiter die Modelle verbessert werden, desto mehr wird die verbleibende Unsicherheit von unseren mageren Kenntnissen der Anfangsbedingungen dominiert. Die Lawinen des Winters 1999 haben gezeigt, dass die empirischen Regeln in (Salm et al., 1990) nicht immer realistische Werte ergeben, aber es fehlen bisher neue, den alten klar überlegene Methoden.

Angesichts dieser Lücke muss der/die Experte/in die Empfindlichkeit der Simulationen auf Variationen der Anfangsbedingungen kritisch überprüfen. Die in den letzten Jahren entwickelten, auf der Wahrscheinlichkeitsrechnung basierenden Methoden (Barbolini, 1999) werden sehr nützlich sein, um die Unsicherheit in der Zonenziehung zu quantifizieren und um daraus diejenigen Massnahmen abzuleiten, die den gegebenen Sicherheits- und Schutzzielen am besten entsprechen.

7.3  Zur Bedeutung des physikalischen Grundverständnisses /
       On the importance of understanding the basic physics

Am Ende dieses Artikels über Lawinenmodellierung ist noch einmal eine der Grundtatsachen dieses Metiers zu unterstreichen: Die Lawinenmodellierung stellt nur einen kleinen Teil der Expertenarbeit dar. Die Simulationen dienen in erster Linie dazu, die auf der Basis von Beobachtungen, Erfahrung und Intuition gezogenen Schlüsse zu bestätigen oder in Frage zu stellen.

Alle hier beschriebenen Modelle weisen mehr oder minder starke Einschränkungen auf. Aus ökonomischen Gründen ist es kaum je möglich, die kompliziertesten und ausgefeiltesten Modelle bei der Untersuchung eines Lawinenzuges einzusetzten. Dennoch ist es mit einem guten Grundverständnis der Physik der Lawinenvorgänge und der Grenzen der verschiedenen Modelle möglich, das in einem bestimmten Fall am besten geeignete Modell zu wählen und oft eine realistische Modellierung zu erreichen, indem die Anfangsbedingungen und Modellparameter der Sitzuation geeignet angepasst werden.

Durch die Lektüre dieses Artikels wird man selbstverständlich noch lange nicht zu einem/r Experten/in in der Lawinenmodellierung. StudentInnen und zukünftigen ExpertInnen sollten die Originalveröffentlichungen zu den Modellen studieren, die sie in der praktischen Arbeit einsetzen werden, und sich auf dem Laufenden halten über Fortschritte in der Forschung, beispielsweise mit Hilfe der Internet-Seiten des EU-Projektes SATSIE.

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